Gruppenpsychotherapie
Viele Menschen, die eine Psychotherapie beginnen, haben Vorbehalte gegenüber einer Gruppenpsychotherapie. Es handelt sich jedoch um ein hochwirksames Verfahren zur Behandlung psychischer Störungen. In der psychodynamischen Psychotherapie gehen wir davon aus, dass Symptome als Ausdruck unbewusster, innerer Konflikte verstanden werden können. Zudem können entwicklungspsychologische Besonderheiten (Strukturebene) sowie Folgen traumatischer Ereignisse in die Symptombildung hineinspielen. Zentral ist jedoch bei allen Betrachtungsebenen, dass die Beziehung zu sich selbst in einer erheblichen Form eingeschränkt oder verzerrt ist und damit auch die Beziehung zu anderen. Eine Psychotherapie hilft dabei:
- einen vollständigeren Zugang zu sich selbst, zu anderen sowie zur Umwelt zu entwickeln
- das innere Konfliktgeschehen zu erkennen, einzuordnen und an der Veränderung zu arbeiten
- psychische Folgen traumatischer Erlebnisse zu reduzieren und so freier und wirksamer das eigene Leben zu gestalten
Eine psychotherapeutische Gruppe bildet dabei einen vertrauensvollen und sicheren Rahmen, in dem dieser psychotherapeutische Prozess stattfinden kann und gleichzeitig Veränderungen in besonderer Weise wirksam werden, da sie unmittelbar in der Gruppe erlebt und reflektiert werden können. Durch das Zusammenwirken der Gruppenmitglieder geschieht dies oft umfassender, als es im Einzelkontakt möglich ist. In der Gruppe findet also der eigene Prozess in einem sicheren sozialen Mikrokosmos statt, der unmittelbar Lernerfahrungen ermöglicht. Dies ist umso wertvoller, als nicht zur bei vielen psychischen Störungen ein erheblicher sozialer oder innerer Rückzug erfolgt, sondern auch gesellschaftlich eine Tendenz zu Vereinsamung und dem Schwinden gemeinschaftlicher Strukturen zu beobachten ist. Oft gibt es dagegen Gruppenstrukturen, die über ein Ideal der Homogenität ein Klima von Ausgrenzungsangst erzeugen.
Irvin Yalom hat in seinem grundlegenden Lehrbuch zur Gruppenpsychotherapie 11 Wirkfaktoren beschrieben:
Gruppenkohäsion - Zusammenhalt als Heilung
Das Erleben von Zugehörigkeit, Akzeptanz und Vertrauen innerhalb der Gruppe ist der zentrale Wirkfaktor, der alle anderen trägt. Eine Gruppe, in der Sie sich sicher und angenommen fühlen, ist ein Ort, an dem echte Veränderung möglich wird.
Hoffnung geben
Wenn Sie in der Gruppe sehen, dass anderen mit ähnlichen Problemen echte Veränderungen gelingen, stärkt das den eigenen Glauben an Heilung. Hoffnung ist kein Nebenprodukt – sie ist eine messbare therapeutische Kraft, die besonders zu Beginn der Behandlung wirkt.
Universalität des Leidens - „Ich bin nicht allein"
Der Moment, in dem ein anderer Mensch nickt und sagt „Das kenne ich auch", kann tiefgreifend entlasten. Das Erleben geteilter menschlicher Erfahrung löst das Gefühl der Isolation – oft zum ersten Mal.
Mitteilung von Informationen - Wissen, das hilft
In der Gruppe lernen Sie nicht nur durch die Therapeutin, sondern auch voneinander: über innere Zusammenhänge, bekommen aber auch Inspiration und Impulse, wie mit Belastungen umgegangen werden kann.
Altruismus – anderen helfen heilt
In der Gruppe sind Sie nicht nur Empfänger von Unterstützung – Sie geben auch. Das Helfen anderer stärkt das Selbstwertgefühl und gibt dem eigenen Erleben Sinn und Bedeutung.
Korrigierende Rekapitulation der primären Familiengruppe - Neue Beziehungserfahrungen – Alte Muster neu erleben
Viele unserer Beziehungsmuster sind verinnerlichte Bedeutungszusammenhänge (Beziehungsphantasien), die wir im Rahmen unserer primären Familienerfahrungen unbewusst entwickelt haben. Die Gruppe schafft die Möglichkeit, diese alten Muster zu erkennen – und neue, heilsamere Erfahrungen zu machen.
Entwicklung von Formen des zwischenmenschlichen Umgangs - Beziehungen üben
Die Gruppe ist ein geschützter Raum, in dem Sie Beziehungen üben können: ehrlich ansprechen, was Sie bewegt; zuhören; Grenzen setzen; Konflikte aushalten. Diese Erfahrungen wirken weit über die Therapiestunden hinaus.
Lernen am Modell - Nachahmendes Verhalten – Voneinander lernen
In der Gruppe beobachten Sie, wie andere mit schwierigen Situationen umgehen. Was hilfreich erscheint, können Sie für sich übernehmen und anpassen – ein natürlicher, oft unbewusster Lernprozess.
Interpersonales Lernen – Die Gruppe als Spiegel
Die Gruppe zeigt Ihnen, wie Sie auf andere wirken – und wie andere auf Sie wirken. Das gibt Ihnen die Möglichkeit, lang eingeschliffene Beziehungsmuster zu erkennen und schrittweise zu verändern.
Katharsis - Entlastung – Gefühle ausdrücken dürfen
Im Schutz der Gruppe können Gefühle ausgedrückt werden, die vielleicht lange keinen Platz hatten. Das Aussprechen und Aushalten starker Emotionen in einem sicheren Rahmen hat eine befreiende und heilsame Wirkung.
Existenzielle Faktoren – Was uns alle verbindet
In der Gruppe begegnen wir Grundfragen des Lebens: Freiheit, Verantwortung, Einsamkeit, Endlichkeit. Das gemeinsame Aushalten dieser Fragen hat eine tiefgreifende, menschlich verbindende Wirkung.